Das Motorola Atrix mit Lapdock

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Motorolas Atrix im Lapdock (Foto: Motorola)

Vor mir steht das fast noch funkelnagelneue Lapdock von Motorola mit angeschlossenem Dualcore-Smartphone Atrix – leider immer noch mit Android 2.2, einer echten Peinlichkeit für Googles künftige Hardware-Schmiede. Doch das Testpaket steht nicht irgendwo auf einem langweiligen Journalisten-Schreibtisch in einer rotweingeschwängerten Altbauwohnung eines spießigen Innenstadt-Jahrhundertbaus (Sorry liebe Kollegen, aber das lag mir schon lange auf den Lippen…).

Motorolas Atrix im Lapdock (Foto: Motorola)

Nicht weniger als “Mitte-Mitte”
Ich bin in der “Höhle des Löwen” – mit gefühlten 999% Apple-Usern, einem MacBock-Anteil jenseits der 1000% und das Ganze im Zentrum der deutschen Startup-Galaxis, im St. Oberholz in Berlin “Mitte-Mitte”. Mit Blick auf den touristisch verkommenen Rosenthaler Platz plaudern an diesem Morgen hinter mir rd. drei Dutzend Möchtegern–Internetstartup-Unternehmer beim monatlichen Siliconallee-Meetup der hippen englischsprechenden Entrepreneur-Community. Nun gut…

“WOW!-Effect” included
Während neben den Apple-Jüngern im Obergeschoss der ehemaligen Burger-King-Filiale lediglich ein paar aufrechte ThinkPad-User die Flagge der “Apple-freien Welt“ hochhalten, teste ich den Coolness-Faktor des Lapdock mit Webtop – einer angepassten Ubuntu-Version für ARM-Prozessoren. Und es klappt: Ein befreundeter Corporate-Finance-Manager staunt nicht schlecht, als ich lässig mein Smartphone ans Möchtegern-Netbook stecke. Und auch andere “Jungunternehmer” wagen zumindest einen verstohlenen Blick.

Jung, dynamisch, buggy
Doch damit sind wir auch schon bei der ersten Unmöglichkeit: Das Smartphone startet neu – es dauert eine halbe Ewigkeit, bis das Lapdock endlich läuft. Beim Versuch, über den rudimentären Firefox-Browser (einer angepassten Version von Canonical für Ubuntu) auf dem gestochen scharfen 11.6-Zoll-Display einen Termin in meinen Google-Kalender einzutragen, hängt sich der Browser in schönster Linux-Manier auf. Dies passiert auch, wenn man einen Anruf über das getrennte Atrix annehmen möchte. Mit Plug-and-play hat das wenig zu tun.

Made for “Wurstfinger”
Um bei halbherzigen Funktionen zu bleiben, hier eine kleine Aufstellung weiterer Makel – made by Motorola: Die Maus auf dem Linux-System läuft zwischen träge und behäbig, selbst wenn man sie auf Turbo stellt. Immerhin läuft eine externe Maus per USB ohne Probleme. Dafür macht der Cursor zwischendrin was er will, auch wenn ich mit den Fingerchen weit weg vom überdimensionalen Touchpad bin. Für die integrierte Tastatur sollte man mindestens Metzger sein. Die Abstände zwischen den gut reagierenden Tasten wurden für “Wurstfinger” konzipiert.

Ich bin kein Einzelfall!
Natürlich macht mir Lästern mehr Spaß, als mich ernsthaft durch Motorolas Featureliste zu arbeiten. Also bleiben wir bei den Dingen, die im Praxistest ohne vorheriges Auswendiglernen der Bedienungsanleitung wichtig sind. Bei vernünftigem Mobilfunk-Empfang macht das Surfen, Mailen und Chatten mit dem Browser hier im Oberholz wirklich Spaß. Schon nach kurzer Zeit vergesse ich, dass ich per HSDPA unterwegs bin – und das im Netz mit rd. 6.000 “Einzelfällen”, die eher Pech mit ihrer “spanischen Leitung” haben.

“Always on” wird wirklich
Auch die Anbindung ans WLAN klappt. Anklicken, auswählen, Passwort – fertig. In Verbindung mit dem im St. Oberholz nachgerüsteten Profi-Router macht das Lapdock keinerlei Zicken. Auch die weiteren Einstellungen für Display, Tastatur & Maus funktionieren per Popup-Fenster einwandfrei. Man kann sogar einen Drucker anschließen. Dies ist allerdings ohne technische Hintergrundkenntnisse nicht machbar. Die von mir am Arbeitsplatz angedockten Laserdrucker von HP und Samsung ließen sich nicht in Betrieb nehmen – ein echter “Fail”.

Edel ist kein Apple-Privileg
Und jetzt zu den Highlights des Motorola Lapdock: Wie beim intergrierten Atrix und dem neuen Starphone Razr macht das Lapdock von den Materialien und der Verarbeitung her einen extrem guten Eindruck. Die verwendeten Kunstoffe wirken sehr wertig, die Verarbeitung nahezu perfekt. Mir macht es Spaß, das Dock in der Hand zu halten, gerade wegen seines flachen Chassis. Besonders im Vergleich zu den in der 250,- Euro-Preisklasse erhältlichen Billig-Netbooks von Samsung & Co. Das Display ist zwar glossy, macht aber keine Probleme, ganz im Gegenteil.

httpv://youtu.be/NSlywuXS8-k

Ein bisschen mehr Handy
Ungewohnt ist für mich das gleichzeitige Nutzen von Lapdock und Smartphone. Dies fällt besonders auf, wenn Infos über Anrufe, Mails oder Kurznachrichten hochploppen. Argerlich: Man muss auf dem eingebetteten Smartphone-Display mit der Maus des Lapdock seine Bildschirmsperre entsichern, um arbeiten zu können. Hier haben die Techniker tief und fest geschlafen. Ob man auf dem Lapdock tatsächlich sein Handy – sprich Atrix – nutzen möchte, um SMS abzurufen oder jemanden anzurufen, bezweifle ich doch sehr.

Willkommen bei Linux
Technisch laufen Android (das Linux-Smartphone-Betriebssystem) und Ubuntu (das Linux-Lapdock-Betriebssystem) parallel auf dem Handy – dank Dualcore-Prozess flott und ohne ruckeln. Das Lapdock selbst ist so etwas wie ein Ultrathin-Client – ein weitgehend dummer Bildschirm mit Batterie und Anschlüssen. Sämtliche Aktionen mit der Außenwelt – von mobilem Internet bis WLAN-Anbindung – laufen auf dem Smartphone. Das Lapdock ist lediglich ein großer Bildschirm mit Tastatur, Touchpad und USB- plus HDMI-Anchlüssen.

Fazit: Ja, aber bitte mit 2.3
Die Idee, das Smartphone mit einem Lapdock zu erweitern ist prima. Die Umsetzung von Motorola mit Atrix und Dock ist insgesamt gelungen. Wenn Motorola mit dem aktuellen Update auf Android 2.3 die kleinen und größeren Software-Buggs im Atrix korrigiert (hat), ist das Package aus Smartphone (für aktuell rd. 290,- Euro) und Lapdock (für rd. 230,- Euro) eine echte Überlegung wert. Zumal das Atrix als Dualcore-Phone noch mind. 1,5 Jahre laufen kann, ohne an Grenzen zu stoßen – unabhängig vom neuen Android-Betriebssystem 4.0.

Neu, aber nicht besser …
Unterdessen hat Motorola den Nachfolger des Lapdock angekündigt: Das neue Lapdock mit 10,1 Zoll-Display, größerer Tastatur und kleinerem Touchpad soll für alle neuen Smartphones nutzbar sein. Zugleich verlässt Motorola das Look-and-Feel des eleganten und super schlanken ersten Lapdock. Ob sich Motorola damit einen Gefallen tut, bleibt abzuwarten. Und ob ich mich mit einem Gerät aus der Kategorie “08/15-Optik” im St. Oberholz blicken lassen darf, muss ich erst mit Apple-User Ansgar Oberholz besprechen…

Vor mir steht das fast noch funkelnagelneue Lapdock von Motorola mit angeschlossenem Dualcore-Smartphone Atrix – leider immer noch mit Android 2.2, einer echten Peinlichkeit für Googles künftige Hardware-Schmiede. (Thomas Keup)

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